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Buchrezension: Necla Kelek, Die fremde Braut – Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland

von Barbara Hofmann-Huber am 7. Juni 2005

Die Autorin ist 1957 in Istanbul geboren und als Kind von Arbeitsemigranten in Deutschland groß geworden. Sie hat die hiesigen Ausbildungsmöglichkeiten genutzt, Volkwirtschaft und Soziologie studiert und über das Thema „Islam im Alltag“ promoviert. Aus der Perspektive einer muslimischen Frau, die die Möglichkeiten von Frauen in der deutschen Gesellschaft für sich als eine Chance erlebt hat, gibt sie Einblicke in die muslimischen Parallelgesellschaften, die es in Deutschland ebenso wie in anderen EU-Ländern mittlerweile gibt. Sachkundig und differenziert zeichnet sie die türkische Familienstruktur und die Begrenzungen durch die Tradition für Mädchen und Jungen auf. Und sie macht deutlich, welche Chancen für Mädchen bestehen können, wenn Schule und soziales Umfeld ihnen Unterstützung bieten, sich aus der tradierten Kultur hinauszuwagen. Nur so können sie ihre geistigen Potentiale entwickeln.

Die Autorin beschreibt anschaulich und fundiert, dass eine zu tolerante „Anerkennung der kulturellen Differenz“ viele Mädchen alleine lässt. Sie brauchen den normativen Druck, die deutsche Sprache lernen zu müssen (und es dadurch zu dürfen) ebenso wie die Beteiligung am Sport, um damit aus dem Haus zu dürfen. In unserer Kultur besteht ein Recht auf Selbstbestimmung, und Necla Kelek macht sehr deutlich, wie sehr sie das schätzt und wie sehr sie es sich für die vielen Frauen muslimischer Herkunft wünscht. Am Beispiel der Importbräute zeigt sie auf, wie die demokratischen Rechte dieser Frauen jedoch tatsächlich umgangen werden. Das Erlernen der deutschen Sprache hält Necla Kelek für unabdingbar. Über die Sprache können die Möglichkeiten der demokratischen Kultur vermittelt werden, und nur damit können Frauen die Kraft finden, sich aus der sehr an die Sippe und Familie ausgerichtete Kultur soweit zu lösen, wie sie das für ihre berufliche und persönliche Entwicklung möchten. Necla Keleks Buch macht klar, wie wertvoll die Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung in unserer Gesellschaft sind – Möglichkeiten und Freiheiten, die wir für so selbstverständlich halten und dabei übersehen, dass es in unserer direkten Nachbarschaft Frauen gibt, die davon vollkommen ausgeschlossen sind.

Kiepenheuer & Witsch 2005
ISBN 3-462-03469-3

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