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Buchrezension Gudula Linck: Leib oder Körper – Mensch, Welt und Leben in der chinesischen Philosophie

Barbara Hofmann-Huber schreibt im Frauen-und-Karriere-Blogvon Barbara Hofmann-Huber am 15. Januar 2012

Die chinesische Philosophie ist über 2500 Jahre alt. Zugleich ist sie in dem alltäglichen Leben in Deutschland zunehmend gegenwärtig. Nicht nur in Form der chinesischen Küche, sondern vor allem in der chinesischen Medizin, ist sie Teil unseres Lebens geworden. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), bestehend aus fünf Säulen: Akupunktur, Phytotherapie (Heilkräuter), Diätetik (Ernährungslehre), Qigong (Bewegungsübungen) und Massage, hat – wenn auch vielfach sehr verkürzt – ihren Platz in der Heilbehandlung gefunden. Doch was für ein Menschenbild zeichnet die chinesische Philosophie aus und steht hinter diesen Techniken?

In der westlichen Kultur ist uns die Trennung von Körper und Seele bekannt. In der Psychosomatik wird eine Verbindung zwischen dieser Dualität gesucht; mit dem Bindestrich in body-mind wird eine Klammer hergestellt, mit dem Ziel, den Menschen wieder mit sich in Verbindung zu bringen. Themen des Selbstmanagements erscheinen daher nicht nur im Begriff selbst oft technisch. Hier erweitert dieses Buch die Wahrnehmungsperspektive.

In der chinesischen Sicht des Menschen gibt es diese Dualität nicht. Es gibt Differenzierungen, aber keine Trennungen. Nicht der Gegenstand: Körper, steht im Mittelpunkt der Erkenntnis, sondern der gespürte Leib, das Empfinden, das Erfahren des eigenen Erlebens. Es ist eine ganzheitliche Wahrnehmung, nicht nur des individuellen Menschen, sondern auch des Menschen in Verbindung mit seiner natürlichen und sozialen Umwelt. Diese Differenzierungen bilden ein sehr komplexes System von gegenseitigen sich bedingenden Wirkungszusammenhängen. Diese sind von der Autorin auf anschauliche Weise beschrieben. Die TCM, als eine Ganzheits- oder besser Resonanzmedizin ist nur ein Aspekt der komplexen Mensch- und Welterkenntnis der chinesischen Philosophie. Diese setzt das philosophische Wissen erfolgreich in Behandlungen um. Das eigentliche Ziel ist dabei: die Balance, die Herstellung von Harmonie.

Ein Anliegen der Autorin, em. Professorin für Sinologie, ist es diese Sicht auf den Menschen und die Welt mit den Lesern zu teilen. Das Eintauschen in die Muster „der Selbst- und Weltwahrnehmung“ in der chinesischen Kultur ermöglicht Frau Professor Linck den Interessierten durch eine sehr anschauliche und gut zu lesende Schreibweise. Es ist ein Heranführen an einen für das europäisch geprägte Denken neuen Weg der Erkenntnis.

Sie erklärt schrittweise Begriffe, Gedankenstränge, und sie bleibt bei der Komplexität des Gegenstandes nicht abstrakt. Auch das zeichnet die chinesische Philosophie aus: Sie ist auf eine Weise individuell und übergreifend (gesellschaftlich und kosmologisch) zugleich. Durch die immanente Verbindung der inneren Harmonie des einzelnen mit der inneren Harmonie des Kosmos ist die Art und Weise der Verbundenheit immer wieder Gegenstand der Aufmerksamkeit.

Das Buch spannt einen weiten Bogen bei diesem sehr komplexen Thema. Die über Jahrzehnte erworbenen theoretischen Kenntnisse und das Erfahrungswissen der Autorin schimmern immer wieder durch. Es ist sicher für die sinologische Welt ein Gewinn, dass Frau Professor Linck die bereits 2001 erschiene erste Fassung nochmals aktualisiert und überarbeitet hat. Das ausführliche Literaturverzeichnis, das Register, hunderte Anmerkungen zeigen das hohe Niveau des 350 Seiten umfassenden Werkes.

Drei Teile umfasst das Buch:

  • Leib und Körper Hier werden u.a. die Konzepte des Qi, von Yin und Yang, deren Wandlungen und dem Herz als zentralem Herrscher, als „zentralem Regungsherd“ beschrieben.
  • Leib und Gefühl Der atmosphärische Gehalt des Erlebens und damit die enge Verbindung des einzelnen mit der Welt ist eine neue Sicht, die zu entdecken lohnt.
  • Mensch und Welt In der chinesischen Philosophie wird der Mensch als Mikro-Kosmos in einer umfassenden Weise wahrgenommen, die hier dargelegt wird.

Mich hat dieses Buch sehr begeistert, und so wünsche ich, dass es nicht nur von einer kleinen Expertengruppe gelesen wird. Denn geschrieben ist es ebenso für Menschen, die auf der Suche nach innerer Balance und Harmonie, auf der Suche nach einer leibhafter Selbststrukturierung, aus der Erfahrung dieser alten Kultur und ihrer zeitlosen Weisheit schöpfen möchten.

Verlag Karl Alber, Freiburg 2011
ISBN:978-3-495-48451-7

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