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Die kreative Energie des Winters

von Barbara Hofmann-Huber am 3. Januar 2012

Wenn in einem Blog seit eineinhalb Jahren kein Beitrag mehr erscheint, ist das dann noch ein Blog?

Auf diesem Blog gab es die fünf Goldfische, als Symbol für die fünf Wandlungsphasen. Einem Konzept der chinesischen Philosophie entnommen, stehen die Wandlungsphasen für die fünf Abläufe des Lebens, wie sie sich z.B. in den Jahreszeiten ausdrücken. Nach einer Zeit der Ernte, des Herbst, des Ausdrucks, der Beiträge die sich in Sichtbarkeit niedergeschlagen haben, folgte bei mir der Winter, als einer Zeit der Innenwendung. In dieser Zeit, in der sich die Kräfte im Inneren sammeln, werden die eigentlichen Strukturen sichtbar, so wie die kahlen Bäume die Form ihres inneren Gerüstes zeigen. Es ist eine Zeit der inneren Verdichtung, Sammlung und der Überprüfung, ob die alte Struktur noch taugt. Es werden neue Wurzelungen und Verknüpfungen in der Natur geschaffen. So habe ich in dieser Zeit auch eine Erweiterung meiner Sicht auf das Thema: Frauen und Karriere erfahren.

Diese Erweiterung betrifft die Wurzeln, deren Entfaltung, deren Pflege und aus denen und durch die dann, in der folgenden Phase des Frühlings, die Energie fließen kann. Eine Energie, die auch eine Neuausrichtung beinhaltet, denn sie würdigt diesen ganzheitlichen Prozess.

Was sind die Wurzeln im Themenfeld Frauen und Karriere? Sie sind das, was uns Energie, Lebenskraft, Verbundenheit gibt, uns Ressourcen sind. Nach einer intensiven Phase der beruflichen Extraversion, der engagierten Tätigkeit, der kreativen Arbeit mit anderen Menschen ist die Frage: wie findet eine Regeneration statt, wie ein auftanken? Je anspruchsvoller die Tätigkeit, desto mehr ist die hohe Qualität der Regeneration eine Notwendigkeit. Die Wurzeln haben mit den unterschiedlichen Ebenen des Auftankens zu tun. Sie sind vielseitig, vielschichtig und je differenzierter die Wurzeln, umso mehr steht eine aktive Zuwendung zum Leben zur Verfügung. Worin bestehen sie genau?

  • Energie tanken über alle Wege, die dem leiblichen Wohl zuträglich sind.
  • Lebenskraft sammeln durch Muse, durch Sein, Kontemplation, Kultur, ebenso wie durch Aktivität in der Natur, Atmen, Körperübungen, Meditation, sich erfahren im Austausch.
  • Verbundenheit mit Menschen die uns in unserem Sein begrüßen, mit denen sich unser Wert nicht am Ertrag misst, den wir für sie erzielen.
  • Selbstbezug und in Verbindung mit dem eigenen Wesen und Sinn des eigenen Lebens stehen.
  • Entfaltung des eigenen Potentials, in neue tiefere Schichten der eigenen persönlichen Anlagen vordringt.

Am Anfang des Lebens steht ein unerschöpfliches Reservoir an Lebenskraft zur Verfügung. Es scheint, als ob es nur darum ginge, diese in eine Richtung zu lenken. So ist der Beginn der Karriere vor allem durch das Thema der Zielfindung bestimmt. Was ist meine Begabung? Wo will ich hin?

Die Entwicklung und Entfaltung der unterschiedlichen Fertigkeiten sich in der Welt des Erfolges zu bewegen und auszudifferenzieren, lässt die Aufmerksamkeit für die Regeneration und damit für die Wurzeln in den Hintergrund treten. Wie von selbst scheint am nächsten Morgen die Kraft zurück gekehrt und der Aufstieg geht weiter.

Vergessen sind die Menschen, die Bindungen, die nährenden Strukturen, die das erwachsen werden begleitet haben. Alles ist selbstverständlich und scheint in dem Selbstbild der eigenen Autonomie auch für immer so weiter zu bestehen. Wir leben von den Vorräten die wir angesammelt haben. Wenn die Wertschätzung für die regenerativen Fähigkeiten mit verinnerlich wurde, so ist auch die Fähigkeit gegeben, immer wieder inne zu halte, aufzutanken. Je identifizierter eine Frau mit dem Erfolg ist, desto mehr besteht die Gefahr, Raubbau zu treiben, auszubrennen.

Nicht zufällig war das letzte rezensierte Buch auf dem Blog, das von Frau Meckel über „Erfahrungen mit Burnout“. Meine Fragen, die mich die letzten eineinhalb Jahre begleitet haben, waren nun diese:

  • Wie hängt dieser Raubbau mit den eigenen Ressourcen, mit dem in unserer Kultur so selbstverständlichen Weltbild des Erfolges zusammen. Gibt es dazu Alternativen?
  • Wie können Frauen führen, und sich zugleich in der Fülle ihrer weiblichen Potenz verankern?
  • Ist das „Missing link“, die Würdigung der weiblichen Reproduktionsarbeit, oder der winterlichen Wurzelkraft?

Schon sehr lange beschäftigte mich das Thema der Abwertung dessen was „Reproduktionsarbeit“ ist. Meine Suche ging dahin zu schauen, wie sich die unsichtbare Bindungsarbeit, die alltägliche Pflege der Personen und der Dinge, die erst sichtbar wird, wenn sie nicht geschieht, wahrnehmbar werden kann. Denn nur so kann sie in unseren Blick geraten und die ihr gebührende Würdigung erfahren.

Mir begegnete eine Kultur, eine Philosophie, die die zyklische Lebensweise erfasste und daher anders dachte. Würde sie Erfolg und Führung anders beschreiben? Es ist eine Kultur, die sehr wohl erfolgreich ist. Würde sie auch die regenerativen Aspekte sehen? Würde sie die reproduktiven Tätigkeiten würdigen? Ich tauchte in die chinesische antike und reale Welt ein.

Konkret habe ich mich mit der chinesischen Philosophie befasst, bin mehrfach in China gereist, im neuen und im „alten“ China real und geistig unterwegs gewesen und dieses Erfahrungswissen und die Weisheit die mir begegnet ist, zeigt sich in den folgenden Beiträgen und Rezensionen, wie in meinen Gedanken dazu.

Weibliche Kunst im Sinne der nährenden, regenerativen, zugleich aber auch kreativen Potenz der natürlichen Entfaltung, der Yin-Qualität habe ich versucht durch die Auseinandersetzung mit der dortigen Kultur besser zu verstehen. Ich habe einerseits entdecken können, dass das Erfassen einer Welt, als in einem ständigen Wandel befindliche, das Lebensgefühl der antiken chinesischen Welt prägte. Diese Sicht lebt weiter, z. B. in der TCM. Zugleich habe ich erfahren, dass im modernen China das „westliche“ Erfolgsstreben ebenso lebendig ist, wie in unserem Kulturkreis. Daher sind auch das Wissen und die Wertschätzung des Weiblichen nicht entfalteter.

Ich habe sehr viel gelernt aus der Auseinandersetzung mit der chinesischen Welt. Zugleich habe ich mich bestärkt gefühlt, dass die Würdigung der Wurzelkraft die Quelle für den Erfolg weiblicher Führungskompetenz ist. Wie wenig dieser Prozess der Reproduktionsarbeit eine Selbstverständlichkeit ist, sondern wie sehr sich auch hier eine Fülle verantwortungsvoller Tätigkeiten zeigt, das ist für mich die Erweiterung im Frauen und Karriere Bild.

Meine These: Die Würdigung dieser regenerativen Kompetenzen, diese Nutzung dessen, was ich Wurzelkraft nenne, als eine in vielfacher Weise „weibliche Kunst“ schafft den Nährboden für Frauen in Führung.

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